Deutschtümeleien im Seengebiet

Von Pucon aus führte unsere Reise nach Puerto Montt, dem Tor nach Patagonien. Von Puerto Montt wollen wir heute mit einer Fähre entlang der Küstenlinie und vorbei an Fjorden ca 2000 km in den Süden nach Puerto Natales fahren. Die Schifffahrt wird fast vier Tage dauern und sicherlich auch ein besonderes Highlight werden…

Puerto Montt besticht nicht gerade durch seinen städtebaulichen Charm, ist aber aufgrund seiner Lage und Hafenfunktion die am schnellsten wachsende Stadt Chiles.

Ein interessanter Aspekt der Geschichte Süd-Chiles, besonders der Region um Puerto Montts ist, dass hier besonders viele deutsche Siedler Städte gründeten und Land urbar machten. Sowohl in Puerto Montt als auch im nah gelegenen Puerto Varas stehen an zentralen Plätzen Denkmäler zum 150-jährigen Jubiläum der Kolonisation Süd-Chiles durch die Deutschen per Präsidialdekret.

Überall im Chile findet man Zeugnisse deutscher Einwanderer. Meist sind es deutsche Familiennamen, die auf dem Label von Brauereien („Kunstmann – das gute Bier“), Apotheken, Arztpraxen, Autohändlern (Kaufmann), Bäckereien usw. zu lesen sind. Aber es gibt auch deutsche Lehnwörter wie Strudel, Kuchen und Berlin (der Pfannkuchen), die fest in den chilenischen Sprachgebrauch übergegangen sind. Auch Feuerwehren scheinen vor allem von Deutschen gegründet und betrieben worden zu sein.

Bei der Erkundung von Puerto Montt stießen wir unweigerlich auf den „Deutschen Verein“ gegenüber dem Rathaus. Dort kann man neben Apfelstrudl und Kuchen auch Informationen über die deutsche Siedlungsgeschichte in putziger Ausdrucksweise erhalten.  Außerdem gibt es hier natürlich eine Bierstube und eine Kegelbahn. Als wir dort, vor den Wappen des Saarlands und Mecklenburgs (sie haben frevelhalfterweise Vorpommern vergessen!), standen, sprach uns ein Feuerwehrmann auf deutsch an und meinte wir müssen unbedingt den Nachbarort Puerto Varas besuchen. Dort sei es viel schöner… Weil wir uns von diesem Spruch immer sehr leicht beeindrucken lassen, haben wir dann auch gleich den nächsten Bus dahin genommen.

Schon von einiger Entfernung aus konnten wir die einer Marienkirche im Schwarzwald nachempfundene Kirche von Puerto Vares sehen. Die Kirche ist umgeben von einer Kleinstadt, die auch im Allgäu hätte stehen können. Glücklicherweise hielten uns die Palmen und großen Vulkane in unmittelbarer Nähe der Stadt davon ab uns lautstark über den vielen Hundekot im ansonsten gut geputzten Park zu beschweren.

Irritiert und belustigt über die vielen deutschen Namen spazierten wir durch die Stadt, als wir auf ein Zelt stießen in dem augenscheinlich eine Veranstaltung stattfand. Die Überraschung beim Blick ins Innere des Zelts war beachtlich: Dutzende Deutschlandfahnen und -Banner wie man sie aufdringlicher nicht hätte aufhängen können. Dazu etliche Bierstände, Menschen in bayrischer und österreichischer Tracht, Bratwurststände und am verwirrendsten: deutsche Volksmusik. Klischeehafteste Blasmusik wechselte zum „Schneewalzer“ und zu „Oh Mosella“. Was auf manchem Straßenfest in Deutschland wunderlich erscheint, ist hier einfach nur surreal.

Wir ließen uns dennoch nicht verschrecken und probierten, was hier als deutsches Bier verkauft wurde… War nicht schlecht.

Allerdings müssen wir beim Probieren der Biere deutscher ausgesehen haben als wir dachten, denn nach kurzer Zeit sprach uns wieder jemand an. Diesmal war es ein älterer Herr mit Basecap. Wie sich rausstelle war dieser Herr einst Student an der Hochschule Ludwigshafen und studierte dort Personalwesen und Marketing irgendwann in den 70er Jahren. Wir haben also tatsächlich einen Vorvorgänger von Fränzi getroffen, der auch noch häufig mit dem Fahrrad nach Heidelberg gefahren ist und daher bestens das kleine Wieblingen kennt. Wie es der Zufall will, ist dieser Mensch der Enkel eines gewissen Friedrich Reicherts (Federico Reichert), der in Deutschland geboren und in Chile und Südamerika bekannt ist. Anscheinend war sein Großvater sehr umtriebig. F. Reichert war Forscher, Kartograph, Bergsteiger und Schriftsteller. Interessant. Der  in die Jahre gekomme Enkel Rudolf hatte allerdings auch viel zu erzählen: Vergangenes und Aktuelles, aus Chile und aus Deutschland…

D.

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Ein Kommentar zu “Deutschtümeleien im Seengebiet”

  1. Samohl was das, deutsches Festzelt am Ende der Welt! Dan fahr ich liewer nach Sizilien und besuch ehemalige Gastarbeiter und gug griechische Tempel oder so…

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