Mit der Fähre nach Patagonien

05.-09.10.

Kein Segelboat, kein Partyboat: Frachtschiff!

Wie weitläufig gewarnt verschob sich die Abfahrt der Fähre von Puerto Montt ins 2000 km südlichere Puerto Natales von Freitag Mittag auf Sonntag Abend. Was einige dazu bewegte auf einen Flug umzubuchen, gab uns die Gelegenheit die Umgebung um Puerto Montt näher zu erkunden und so zB das schon erwähnte Oktoberfest und die Insel chiloe kennenzulernen.

Sonntagabend um 20:00 Uhr war es dann soweit: statt dem aktuellen Tatort gab es eine Busfahrt vom Navimag Terminal zur Bootsanlegestelle, wo die (leere) Fähre „Eden“ uns schon erwartete. An Bord wurden zunächst die Kabinen bezogen und als positive Überraschung durfte jeder eine Kabine für sich haben, da Dank der Jahreszeit nur die Hälfte der Betten belegt waren. Anschließend wurde uns ein reichhaltiges Abendmahl verabreicht und die sicherheitseinweisung durchgeführt. Dabei stellte sich leider heraus, dass wir uns unseren Rotweinvorrat unnötigerweise angelegt hatten. Seit wenigen Wochen herrschte versicherungsbedingt Alkoholverbot an Bord, da einige Trunkenbolde zuvor auf die grandiose Idee gekommen sind, ein Grillfest in ihrer Kabine zu veranstalten und damit ein größeres Feuer auslösten. Für einen solchen Zwischenfall wollte die Versicherung hernach nicht mehr aufkommen. Bei den Passagieren stoß dies auf Unverständnis zumal die meisten noch besser „vorbereitet“ waren als wir. Nach einem ersten Kennenlernen und dem Besuch des „bordkinos“ („Lucy“, sehr amüsant, vor allem von der wissenschaftlichen Seite aus 🙂 war es zeit ins Bett zu gehen. Während wir schliefen wurde die Fähre voll beladen mit LKWs voller Lachsfutter (70 Tonnen), lebende Lachse in Tanks, Reperaturgut für einen im Wind umgefallenen Telefonmast und alles, womit das südliche Patagonien sonst noch so beliefert werden muss, also wirklich einfach fast alles.

Die Lachszucht in Form von Aquakultur ist zu einem sehr großen Industriezweig im Süden Chiles geworden und Puerto Montt als Umschlagspunkt ist die momentan am schnellsten wachsende Stadt Chiles. Leider werden diese Aquakulturen nicht besonders umweltverträglich betrieben. Es werden große, aus Netzen bestehende Tanks ins Meerwasser gehängt, worin dann so viele Lachse wie nur möglich gehalten werden. Das Futter besteht zu ca. 20% aus Antibiotika, damit so viele Lachse wie möglich das auch überleben. Das Futter sowie die Ausscheidungen der Lachse gelangt ins Meer, damit auch zu allen anderen Meeresbewohnern und führt insgesamt zu einer Übersäuerung des Meeres. Der auf diese Art gewonnene Lachs wird dann fast ausschließlich in die USA und nach Europa exportiert. Also, Finger weg von chilenischem Lachs.

Nachdem das Schiff voll beladen war legten wir um ca 5:00 morgens ab und fuhren gen Süden. Fortan wurden wir immer um 8:00, 12:30 und 18:30 Uhr mit Essen versorgt und sonst verbrachten wir den ganzen Tag mit: Nichtstun! Kein Internet, kein telefonempfang, nichts außer uns in den Fjorden und auf dem Ozean! Herrlich! Mit dem Wetter hatten wir viel Glück wodurch wir die meiste zeit an Deck verbrachten um eine Million Fotos von der atemberaubenden Landschaft patagoniens zu machen. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Eisschollen die von einem Gletscher hertrieben, schneebedeckte Gipfel, kleine Wasserfälle zwischendurch, diverse Vögel (zB die Magellan-Dampfschiffente, eine „flugunfähige Halbgans aus der Gattung der Dampfschiffenten“ 🙂 … Und nach etwas Glück auch ein paar Delphine 🙂 die riesigen Blauwale konnten sich leider erfolgreich verstecken. Meistens schaukelte es nicht viel, aber auf dem offenen Ozean wars doch rau.

Genug zeit also auch um die anderen Passagiere kennenzulernen: Steiner, der 72jährige Norweger, der seit 1,5 Jahren mit seinem Auto von Alaska nach Patagonien fährt; Peter, der deutsche Ingenieur, der überall auf der Welt arbeitet und alle Deutschlandspiele der WM live im Stadion gesehen hat (und von Aussehen und Art an Holger erinnert); Zita, die holländisch-australische Lastwagenfahrerin; Luke, der australische Scherzkeks mit Ureinwohner Vorfahren; Johannes, der mit seiner Drohne professionell Luftaufnahmen macht, den besten deutschen Akzent auf englisch hat und unbedingt in der südlichsten Bar der Welt in Puerto Williams ein Bier trinken will; Jens, der Belgier dem Deutsch so gut gefällt und dessen Familie eine nur teilweise geöffnete Bar in Brüssel hat; Katie und John ein englisch-französisch australisches paar; vipul, der indisch-Namibianische Kanadier, der gespendete Kleidung einkauft und sie an seinen chilenischen Geschäftspartner, Juan-Luis, verkauft, der sie dann in Chile, unter anderem in Patagonien, an Second Hand Läden verkauft.

Bei einer Runde time’s up wurden auch die internationalen Unterschiede und Ähnlichkeiten Aller aufgedeckt und das Eis endgültig gebrochen! Wie allerdings vipul von „claws“ für wolverin auf „Santa Claus/claws“ kommt wird für immer ein Rätsel Bleiben… An dieser Stelle vielen Dank an Phillip und Aile, die uns dieses herrliche Spiel vorgestellt haben 🙂

Am dritten Tag ging das Schiff für eine Stunde vor dem 300 Einwohner Dorf Puerto Eden vor Anker. Sofort strömten sämtliche kleinen Boote auf die Fähre zu um ihre Muscheln, kaputten Waschmaschinen und Kranke und Geschäftsleute an Bord zu bringen, die dann in Puerto Natales versorgt werden. Außerdem wurden andere Güter abgeholt. Das war ein ganz schönes Treiben an der Ladeluke und wir durften gespannt beobachten 🙂

Das Alkoholverbot (wie schon damals bei der Prohibition in den USA) führte bei manchen früher bei anderen später zu einer Art illegalem Markt und „speakeasies“, also geheimen (Kabinen-) Bars. Auch wurde beim Abendessen mit Rotwein in Kaffeetassen angestoßen, was einerseits traurig war aber andererseits dem Ganzen noch mehr Klassenfahrt Charakter gab. Glücklicherweise waren alle trinkfest genug um nicht Feuer zu machen oder über Bord zu fallen!

Letztendlich verbrachten wir aufgrund vieler enger Passagen, die nur bei Tageslicht befahren werden dürfen, 4 Nächte auf der Fähre Eden (statt 3 Nächte). In Puerto Natales angekommen bereiteten wir unseren Trip zum Nationalpark Torres del Paine vor und abends gab es eine Schiffs-Crew-Réunion in einer Bar, die ganz offiziell Wein, Bier und den leckeren pisco sour servieren durfte 🙂

A.

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