Letzte Karte nach Buenos Aires

07.-10.11.

Ansich ist Zugfahren für uns ja nichts besonderes. Jedoch ist Zugfahren in Südamerika ein ganz anderes Erlebnis als in Deutschland. In Argentinien gibt es höchstens eine Handvoll Bahnstrecken um Buenos Aires herum.

Interessanterweise war das nicht immer so. Anscheinend gab es in Südamerika einst länderübergreifende Bahnverbindungen zb. von Buenos Aires in das bolivianische Bergland oder über die Anden nach Chile. Lawinen und Erdrutsche zerstörten weite Teile dieser Verbindungen und politische Konflikte und Konfrontationen verhinderten den Wiederaufbau und Inbetriebnahme. Im Landesinneren führten exzessive Liberalisierungspläne zur kompletten Privatisierung des Bahnnetzes sowohl in Chile als auch in Argentinien. In deren Folge wurden die Eisenbahngesellschaften geschöpft, wichtige Investitionen in die Infrastruktur unterlassen und so sukzessive das Bahnnetz marodiert. Unzählige Verbindungen mussten geschlossen und die verschlissenen Reste wieder verstaatlicht werden. Stattdessen gibt es von jeder Stadt gut funktionierende Bus und Fernbusverbindungen. Der politische Fokus auf Bus statt Bahn im öffentlichen Personenverkehr ist zudem einem besonders aktiven und erfolgreichen Lobbyismus der Busfabrikanten wie Daimler und MAN zu verdanken. So ist es wenig wunderlich,  dass wir bisher fast ausschließlich in komfortabel Mercedes Bussen vorangekommen sind…

Jedenfalls ist ein Zug in Argentinien eine echte Sensation. Eine der wenigen Fernverbindungen, ein Rudiment der Verbindung nach Bolivien, führt von Tucuman im Norden nach Buenos Aires. Wir wollten uns diese Sensation nicht entgehen lassen und buchten ein Ticket für die „etwas andere“ Zugfahrt:
der Zug ist ganz klassisch aufgeteilt in Klassen. Ein privates, klimatisiertes Abteil mit zwei Betten kostet 400 argentinische Pesos (ARS) Gesamtpreis. Pullmannklasse mit verstellbaren, komfortabelen Stühlen, ebenfalls klimatisiert kostet 130 ARS. Erste Klasse mit offenem Fenster, verstellbaren aber weniger komfortablen Sitzen kost 70 ARS. Und zu guter Letzt: Touristenklasse. Nicht-verstellbare Sitze, Großraumabteil, minimale Beinfreiheit, aber offene Fenster mit Deckenventilatoren.

Eine Woche vor Fahrtantritt, konnte uns der Herr am Ticketschalter nur noch Plätze in der Touristenklasse anbieten. GEBUCHT! (Schließlich sind wir Touristen) Für 45 ARS. Nun gilt es den Umrechnungskurs zu beachten! Ein Euro ist nach dem offiziellen Kurs 10 ARS wert. Das heißt wir hatten ganze 4,50 Euro zu zahlen. Für über tausend Kilometer Strecke. Der Haken: die Fahrt dauert mehr als 30 Stunden…

Nachdem wir unsere großen Rucksäcke im Gepäckwagen verstaut hatten, begaben wir uns bis an die Spitze des Zuges. In einer Vierer-Sitzgruppe, gegenüber der uns zugewiesenen Plätze, saßen bereits zwei füllige Damen in hautengen Leggings und noch engeren Tops. Die Fahrt begann Samstag um 21 Uhr. Kurz darauf machten wir uns mit den Damen gegenüber bekannt. Die beiden Schwestern, Norma und Gihermina, hatten vor eine dritte Schwester in Buenos Aires zu besuchen. Die beiden waren nett, lachten viel und hatten auch das Glück die Karte für eine bessere Klasse erwerben zu können verpasst. Und wir verließen die Stadt im Schneckentempo. Das mag daran gelegen haben, dass es nur minimalen Abstand zwischen dem Zug und den angrenzenden Häusern und Hütten und dazu unzählige unbeschränkte Bahnübergänge gab. Man konnte direkt in die sperrlich beleuchten Häuser hineinsehen, unser Zug riss Blätter und Zweige von zu dicht stehenden Bäumen und wurde permanent von wachsamen Hunden angebellt. Aber auch Kinder und ganze Familien hielten zwangsweise oder aus Interesse an den Bahngleisen und winkten uns zu.
So tuckerten wir langsam die holprige Strecke entlang und wurden allmählich müde. Dummerweise konnte kein Mitglied unserer Sitzgruppe schlafen weil niemand die Beine ausstrecken konnte. Zum Glück konnten wir bei einem baldigen Zwischenstopp beobachten, dass sich die Rückenlehnen mit und entgegen der Fahrtrichtung umklappen ließen. So lösten wir im allseitigen Einvernehmen unsere Sitzgruppe auf und saßen fortan hintereinander in Zweierrotte. Nun konnte jeder die Beine ausstrecken und unsre ehemaligen Gegenüber kicherten vor Freude.
So wurde die Nacht besser als erwartet, aber immernoch nicht (…)gut. Am Morgen wurden wir von einem traumhaften Sonnenaufgang geweckt. Den ganzen restlichen Tag tat die Sonne dann auch alles, um die Erinnerung an ihren Aufgang wachzuhalten. Die Temperatur stieg schnell und der Fahrtwind blieb lau. Größtes Ereignis des Tages: Einmal gingen wir zur Abkühlung in den klimatisierten Speisewagen und kühlten uns ab. Ansonsten galt es die vielen Menschen zu beobachten, die Hinternbacken abwechselnd stark zu belasten und die Landschaft vorbeiziehen zu lassen. Langer Text, lange Fahrt, kurzer Sinn: letztendlich schlichen wir uns an Buenos Aires heran und kamen gegen 3 Uhr morgens am Hauptbahnhof an. Der freundliche Mann einer freundlichen Mitreisenden, fuhr uns schließlich bis vor die Tür unseres neuen Hostels. Nach einer ausgiebigen Dusche fielen wir müde in die flachen, gemütlichen Betten.

D.

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