Buenos Aires bei Tag

10.-17.11.

Nach der Sitzfleisch fordernden Zugfahrt konnten wir in unserem neuen Hostel in Buenos Aires doppelt gut schlafen. So zogen wir gut ausgeschlafen los um einen kleinen Teil der Stadt zu erkunden. Von unserem Hostel im Stadtteil San Telmo, in der Straße Chile, zogen wir über Peru nach Florida, der Fußgängerzone der Hauptstadt. Fußgängerzone klingt jetzt vielleicht gemütlich oder nach Kaufrausch; ist aber eher eine riesige Wechselstube. Überall wird einem „Cambio! Change! Cambio! Dollar, Euro, Real“ entgegen geschmettert.

Denn die Währungskrise der letzten Jahre in Argentinien trägt dieser Tage besonders dubiose Früchte. Insbesondere für Touristen.
Argentinien hatte im letzten Jahr eine reale Inflationsrate von 40%, was offizielle Statistiken nicht widerspiegeln. Aus diesem Grund versuchen so gut wie alle Argentinier, die sparen oder verreisen wollen, ihr Geld in einer harten Währung wie Dollar (oder Euro) zu sammeln. Die zudem prekäre Finanzsituation der öffentlichen Haushalte und internationale Zahlungsschwierigkeiten führten zur kritischen Verknappung der Devisenreserven. Dies macht es den Argentiniern quasi unmöglich auf offiziellem Weg ihr Geld in Dollar umzutauschen. Aus diesem Grund blüht ein lebhafter Schwarzmarkt: entlang der Hauptstraßen argentinischer Städte stehen in bester Marktschreiermanier teils zwielichtige Gestalten um Touristen zum Tausch ihrer eingebrachten Devisen zu animieren. Die eingetauschten Dollar werden dann an ’normale‘ Argentinier weiterverkauft. Das Geschäft lohnt sich für Touristen. Die offizielle Tauschrate für den argentinischen Peso zu Dollar liegt bei ca. 1:8. In Buenos Aires‘ Florida Straße bekommt man einen fluktuierenden Kurs um 1:14. Und um ehrlich zu sein macht die Argentinienreise erst mit diesem Kurs Spaß…mit der offiziellen Rate wird’s teuer. Darum sollte man versuchen möglichst genug Dollar zum Tauschen mitzubringen oder falls man all seine Dollarreserven gegen Mendozas Wein eingetauscht hat, bedient sich des findigen Onlinehandels Azimo (immernoch dubios wirkend aber funktioniert hervorragend).

Mit frischen Pesos konnten wir nun die „Altstadt“ von Buenos Aires, das sogenannte Microcentro, erkunden. Nach ein paar Regentropfen am ersten Tag verwöhnte uns die Metropole mit schönstem Wetter bei 25-30°C.

Bei zwei freie Stadtführungen bekamen wir dann die Höhepunkte der prunkvollen, historistischen Architektur und Landmarken argentinischer Geschichte präsentiert. Den selbstgeschenkten Ruf als Paris Amerikas versprach sich Buenos Aires durch die Kopie und Aufskalierung ganzer Straßenzüge der französischen Hauptstadt zur Zeit der Jahrhundertwende. Daneben gibt es zahlreiche Gebäude mit Referenzen zur italienischen Renaissance, griechischen Antike, deutschen Gothik sowie im Jugendstil. Einer der Tour guides brachte die architektonische Situation auf den Punkt: jedes dieser Häuser für sich ist schön, die Mischung ist besonders. Auch einige Bausünden der 60/70er Jahre prägen das Stadtbild. Trotzdem dominiert in Buenos Aires der städtebauliche Wahn die Nähe und Zugehörigkeit zur europäischen Kultur- und westlichen Wertegemeinschaft zu demonstrieren und überzurepräsentieren. Dies wird auch deutlich, wenn man sich einige der wichtigsten Gebäude der Stadt ansieht: der Kongress sieht aus wie der in Washington, der Präsidentensitz ist von italienischen Architekten im Barockstil erbaut, Patrizier kopierten spanische und italienische Palazzos und französische Palais, ein Obelisk ist Wahrzeichen der Stadt…usw Aber Buenos Aires läd auch zum Verweilen in einem der unzähligen, sehr schönen Parks ein.

Die Innenstadt ist von einer riesigen Allee (möglicherweise der breitesten der Welt) durchkreuzt. Diese Achse wird durch den Obelisken und durch ein Hochhaus dominiert, dessen Fassade das Konterfei Evita Perons prägt. Evita ist vielerorts präsent in Buenos Aires: auf Bildern, Karten, Straßennamen und Geldscheinen. Eine unsere Touren führte auch zu ihrem (jetzigen) Grab auf dem beeindruckenden Friedhof Recoletta. Zudem besichtigten wir den argentinischen Präsidentensitz von dessen Balkon Evita alias Madonna so schön für Argentinien sang.

Der offizielle Name des Präsidentensitzes ist übrigens „Casa Rosada“, das pinke Haus. Bei einer anderen Gelegenheit fügten sich Inhalt und Form des Vorplatzes der Casa Rosada als Startpunkt der „Pride Parade“, einer riesigen Demonstration für die Rechte Homosexueller. Auf der zentralen Achse zwischen Präsidentensitz und Kongress zog sodann eine Parade aus bunten Trucks, von denen laute Musik drang, schrille Paradiesvögel, Transsexuelle, politische Parteien, Musikanten, Jongleure und jede Menge Schwule und Leben. Es war…interessant. Sita, die wir auf der Fährfahrt nach Patagonien kennengelernt und zufällig in Buenos Aires wiedergetroffen haben, hat sich mit uns das Treiben angesehen und dafür gesorgt, dass wir bei Laune blieben und stets genügend Bier tranken.

Wir besuchten auch das alte Arbeiterviertel „La Boca“, das mit seinen kleinen, bunten Häusern abseits der künstlichen Touristengasse einen ganz eigenen Charme hat. Hier fanden wir auch das altehrwürdige Fussballstadion.

An anderer Stelle wurde ein altes Hafenviertel, puerto madero, mit Genuss gentrifiziert. In einem Cafe am ehemaligen Pier, an dem nun die katholische Universität anliegt, beendeten wir unsere Erkundungstour durch Buenos Aires und verabschiedeten uns mit einem urbanen Sonnenuntergang.

Übrigens scheinen manche Argentinier „uns Deutschen“ den WM Sieg übel genommen zu haben. Während Anna ungeschoren davon kam, kann ich das leider nicht behaupten…

D.

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