Ein tropisches Stückchen Pommern

30.11.-02.12.

Wer würde erwarten, dass sich Wind- und Kälte-erprobte Norddeutsche an einem Ort niederlassen, der selten kälter wird als 30°C und meist subtropisch-schwül ist. Ich eher nicht. Daher sind Anna und ich nach Blumenau gefahren, um uns selbst davon zu überzeugen.

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Blumenau ist eine der Städte in Brasilien mit dem höchsten Anteil deutschstämmiger Einwohner und war ein Schwerpunkt deutscher Besiedlung in Südamerika. Die Stadt wurde offiziell von dem Pharmazeuten Dr. Blumenau und einer handvoll weiterer Herrschaften inmitten des damals dicht-bewaldeten brasilianischen Hinterlands gegründet. Zunächst kamen sogar ausschließlich deutsche Einwanderer nach Blumenau und so blieb bis zum 2. Weltkrieg Deutsch die erste offizielle Sprache. Noch immer besteht Deutsch als Umgangssprache in den Familien und wird als erste Fremdsprache in Schulen gelehrt. Viele Straßen-, Firmen-, Waren- und natürlich Familiennamen zeugen ebenfalls von der deutscher Abstammung.

Und tatsächlich, schon im Hostel wurden wir von der Besitzerin auf Deutsch begrüßt und in die Hostelregeln und Gepflogenheiten eingewiesen. Sie sollte nicht die einzige Person bleiben mit der wir hervorragend auf Deutsch kommunizieren konnten: Viele Verkäufer/innen, Kellner und etliche Leute aller Altersgruppen, denen wir zufällig auf der Straße begegnet sind, sprachen teils gebrochen, teils ohne merklichen Akzent Deutsch.

Apropos Straßen, die sind hier ziemlich lang und geschäftig, denn Blumenau ist eine große, am Fluss sehr lang gestreckte Stadt. Zum Glück fanden wir ein brasilianisches Paar mit Mietwagen, das mit uns den Tag verbrachte und uns auf eine Erkundungstour mitnahm. So konnten wir die Stadt und die Umgebung optimal besichtigen und liefen nicht Gefahr unsere brasilianische Gegenwart zu  vergessen. Denn viele Gebäude der Stadt können die Herkunft ihrer Erbauer nicht leugnen. Auch neuere Gebäude deuten eine besondere Vorliebe für die Architektur des Schwarzwaldes und Allgäus an. Oft mit ausgeprägtem Hang zur Kitschigkeit. Wir besuchten das Rathaus der Stadt, das Mausoleum des Dr. Blumenau und natürlich das örtliche Biermuseum. In der tat scheint Bier das zentrale deutsche Pioniergut zu repräsentieren. In der Region gibt es Dutzende Biere, die entweder von deutschen Braumeistern oder deren Nachfahren oder deren Nachfahren (etc.) hergestellt werden. Die Namen der Biere sind teilweise verstörend deutsch:

Eine dieser Brauereien braut ihr „Schornstein“ Bier in einer Kleinstadt nahe Blumenau, genannt Pomerode. Den Faden der Einleitung aufgreifend und der Herkunft des Stadtnamens entsprechend, wurde Pomerode vorwiegend von Einwanderern aus Pommern gegründet und besiedelt.

Den Eingang nach Pomerode markiert ein aus Backsteinen erbautes Stadttor. Darin befindet sich die Tourist Information des Ortes. Zwei deutschsprachige Mädels saßen dort vor einer Karte Pommerns in den Grenzen von 1914 und einem Stadtplan Stettins von 1940 und klären uns über die Attraktionen der Stadt auf. Außerdem fand ich das erste (nicht selbst mitgebrachte) Wappen von Pasewalk in Südamerika! AHU! Aber das sollte nicht die letzte Überraschung gewesen sein…

Zusammen mit dem brasilianischen Pärchen begannen wir Pomerode zu erkunden und versuchten in verschiedenen Lokalitäten Stempel für ein Stempelheft zu sammeln, das uns bei 10 Exemplaren einen gratis Pomerode-Sammelteller versprach. Anfangs verlief die Sammellei locker: wir haben im „Tortenparadies“ und in der Schokoladenfabrik gegessen, in der Opa-Kneipe getrunken und natürlich haben wir auch die „Schornstein“ Brauerei besucht. Auch am Theater sind wir vorbeigezogen. Das steht natürlich am Marleene-Dietrich-Platz. Später mussten wir allerdings einfallsreicher werden und etwa eine Sägemühle, Kerzenmanufaktur und Kleinkunstläden aufsuchen.

Zum Schluss wurde die Jagt nach den 10 Stempeln zum Exess und unsere brasilianische Bekannte überkam ein nicht für möglich gehaltener Jagtinstikt, der uns auch Stempel bereits geschlossener Läden einbrachte. Am Ende bekamen wir unsren 10. Stempel im Restaurant „Wunderwald“, wo wir mit Volksmusik und deutscher Standarte begrüßt wurden und letztendlich unseren hervorragenden Sammeltellergewinn bei Fassbier und Schlachtplatte feierten.

Während der Jagt machte ich darüberhinaus eine tolle Entdeckung! Und zwar trägt der Platz neben der Brauerei den Namen der Pasewalker Nachbarstadt Torgelow. Wie sich herausstellte ist Torgelow eine Partnerstadt von Pomerode und so wurde ihr ein Platz mit fescher Plakette samt Stadtgeschichte und Silhouette sowie ein bodenständiges Monument geweiht. Nicht schlecht!

Irgendwie scheinen sich die Pommern also tatsächlich hier in diesem heißen, feuchten Klima arrangiert zu haben. Wie, weiß ich nicht. Vielleicht reicht diesen Leuten der reine Gedanke an das gemäßigte Klima der deutschen Heimat. Zumindest drängt sich dieser Gedanke beim Besuch des Blumenauer Weihnachtsmarkts auf.

D.

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