Archiv der Kategorie: Argentinien

Buenos Aires bei Nacht

10.11.-17.11.

Während Buenos Aires bei Tag oftmals gleichbedeutend war mit Kilometer weiten Wanderungen, versuchten wir es bei Nacht etwas gemütlicher angehen zu lassen. Obwohl Buenos Aires angeblich auch niemals schläft und die Parties in den angesagten Clubs erst gegen 2-3 Uhr Nachts überhaupt in Fahrt kommen, erteilten wir eben jenen Clubs aufgrund unseres Musikgeschmacks, unserer unpassenden Kleidung und eben jener Wanderungen bei Tag ausschließlich Absagen.

Anstatt dessen erkundeten wir mit Evita, unserer italienischen Bekannten aus Puerto Madryn, eine Cocktailbar. Ja, Evita heißt wirklich Evita und ist damit ziemlich allein, da es in spanisch sprachigen Ländern nur ein Kosename für Eva ist. Glücklicherweise traf sie in dem Hostel eine Namensvetterin aus Holland, die ebenfalls mit Evita in ihrem Pass verzeichnet war. Das besondere an der Cocktailbar waren leider nicht die Cocktails, sondern der Eingang: ähnlich einer speakeasy Bar in Zeiten der amerikanischen Prohibition war der Zugang zur Bar versteckt in einem Blumenladen. Ein beherzter Schritt durch den Kühlschrank führte dann in den Keller der mit vielen alkoholischen Köstlichkeiten bestückt war. Leider klappte die optimale Mischung der Zutaten noch nicht ganz, aber das Ambiente war grandios. Neben dieser Bar gibt es noch einige andere dieser Art in Buenos Aires, unter anderem Frank’s, das unter den 50 besten Bars der Welt rangieren soll. Aber dazu später mehr.

Am nächsten Abend zog es uns ins Café Tortoni, dem ältesten Café in Buenos Aires (seit 1858), welches auch schon von Hillary Clinton besucht wurde. Das schöne an argentinischen Cafés ist zum einen der Kaffee selbst, der Dank der vielen italienischen Einwanderer viel besser ist als in Chile, und zum zweiten die Tatsache, dass Cafés wirklich noch als gemütlicher Treff- und Diskussionspunkt genutzt werden (können): hat man seinen Kaffee ausgetrunken und die Churros (kleine süße frittierte Teigrollen) gegessen, lässt die Rechnung lange auf sich warten bzw. kommt erst, wenn man sie bestellt. Was Deutsche in den Wahnsinn treibt wird hier zu lautstarken Unterhaltungen genutzt oder einfach zum gemütlichen verweilen. Nach unserem Kaffee gingen wir zu Rotwein über und schauten uns die Tango Darbietung inklusive Gesangs- und Steppeinlagen im Keller des Cafés an. Und wie der Zufall es wollte (die Welt ist ja so klein… Und Südamerika noch kleiner!) trafen wir dort eine gute Bekannte, Sita, von der Fähre wieder!

Dem vielen guten Fleisch, das wir in Argentinien bis dato gegessen hatten wollten wir in Buenos Aires eine Krone aufsetzen: mit Evita besuchten wir Don Julio, ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Steakhaus. Der Bekanntheitsgrad ist so hoch, dass unsere Reservierung nach einer 15 minütigen Verspätung verfiel und wir eine weitere Stunde auf einen Tisch warten mussten. Dank des kostenlosen Sekts blieb die Stimmung ungetrübt und unser Warten wurde mit herrlichem Steak, gegrilltem Gemüse und köstlichem Rotwein belohnt! Das rohe Steak zerschmolz auf der Zunge während das medium Rohe mehr Grill-Aroma hatte und trotzdem noch Butterzart war! Im Anschluss wollten wir dann testen ob es in Buenos Aires doch noch Cocktails gibt, die an die in der Bent Bar in Heidelberg heranreichen und machten uns auf den Weg zu Franks Bar. Nachdem wir die Lokalität gefunden hatten, klopften wir an die schwere Eisentür… Sie ging auf, ein großer schwarzer Türsteher musterte uns und befand: „chicas… zapatitas…“ Wir Mädels sollten kleinere, schickere Schuhe tragen. Ok, vielleicht war diese Reaktion auf Evitas Wanderschuhe bei einer schicken Bar zu erwarten… Als auch die Option ohne Schuhe einzutreten fehlschlug, waren wir dennoch froh ins Hostel zurückzukehren und schliefen wohlgenährt ein.

Mit Grill auf der Terrasse auf der rechten Seite - hier noch ohne Action...
Mit Grill auf der Terrasse auf der rechten Seite – hier noch ohne Action…

Freitags feierten wir bei einem gemütlichen Asado auf der Hostel Dachterasse Abschied von Evita, die nach 3,5 monatiger Reise am nächsten Morgen nach Italien zurückflog. Hoffentlich können wir sie dort besuchen und herausfinden, ob die Pizza wirklich so gut ist 😉

An unserem letzten Abend wurden wir von einem Bekannten von Sita, der in Buenos Aires lebt und noch als Nuklear Ingenieur („nukular, es heißt nukular“) arbeitet, zum Abendessen eingeladen. Mit Bier und Wein bepackt machten wir uns auf den Weg in ein „echtes“ Wohnviertel und wurden von Daniel (ja, auch Daniel) herzlich in seiner Wohnung begrüßt. Er hatte ein köstliches Menü vorbereitet, alles ganz untypisch argentinisch, was eine herrliche Abwechslung war! Indisches Flachbrot mit einem Rosinen-Ingwer chutney, Lachs mit einer Soße, die aus so vielen Gewürzen bestand, dass ich es schon vergessen habe, grüner Spargel mit Pesto, ein Hühnchencurry und noch einiges mehr! Dazu erfuhren wir mehr über die Ayurveda Lehre und über seinen Plan anstatt weiter in der Firma zu arbeiten, ein „closed door restaurant“ zu eröffnen. Dabei kochen (Hobby) Köche bei sich zu Hause für eine kleine Gruppe an Gästen, die vorher im Internet eine Reservierung machen müssen. Die Gäste bekommen dann den ungefähren Preis für das Menu gesagt und der Koch kann es nach seinem Belieben zusammenstellen. Gerade in Buenos Aires ist das ein sehr großer Trend momentan, aber auch in Deutschland gibt es schon einige Angebote. Nach dem Essen wollten wir erneut Frank’s Bar einen Besuch abstatten. Wir waren so schick wie möglich gekleidet und der Gastgeber Daniel begleitete uns in polierten Schuhen! Es konnte also nur gut gehen! Die ganze Prozedur also nochmal: Franks Bar, klopf klopf… Klopf klopf… Keine Antwort. Es stellte sich heraus: sonntags um 2:00 Uhr morgens schläft Buenos Aires doch! Zumindest Frank! In einer anderen Bar konnten wir den Abend dann doch noch mit Cocktails abrunden (allerdings lange nicht so gut wie in der bent Bar 😉

A.

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Buenos Aires bei Tag

10.-17.11.

Nach der Sitzfleisch fordernden Zugfahrt konnten wir in unserem neuen Hostel in Buenos Aires doppelt gut schlafen. So zogen wir gut ausgeschlafen los um einen kleinen Teil der Stadt zu erkunden. Von unserem Hostel im Stadtteil San Telmo, in der Straße Chile, zogen wir über Peru nach Florida, der Fußgängerzone der Hauptstadt. Fußgängerzone klingt jetzt vielleicht gemütlich oder nach Kaufrausch; ist aber eher eine riesige Wechselstube. Überall wird einem „Cambio! Change! Cambio! Dollar, Euro, Real“ entgegen geschmettert.

Denn die Währungskrise der letzten Jahre in Argentinien trägt dieser Tage besonders dubiose Früchte. Insbesondere für Touristen.
Argentinien hatte im letzten Jahr eine reale Inflationsrate von 40%, was offizielle Statistiken nicht widerspiegeln. Aus diesem Grund versuchen so gut wie alle Argentinier, die sparen oder verreisen wollen, ihr Geld in einer harten Währung wie Dollar (oder Euro) zu sammeln. Die zudem prekäre Finanzsituation der öffentlichen Haushalte und internationale Zahlungsschwierigkeiten führten zur kritischen Verknappung der Devisenreserven. Dies macht es den Argentiniern quasi unmöglich auf offiziellem Weg ihr Geld in Dollar umzutauschen. Aus diesem Grund blüht ein lebhafter Schwarzmarkt: entlang der Hauptstraßen argentinischer Städte stehen in bester Marktschreiermanier teils zwielichtige Gestalten um Touristen zum Tausch ihrer eingebrachten Devisen zu animieren. Die eingetauschten Dollar werden dann an ’normale‘ Argentinier weiterverkauft. Das Geschäft lohnt sich für Touristen. Die offizielle Tauschrate für den argentinischen Peso zu Dollar liegt bei ca. 1:8. In Buenos Aires‘ Florida Straße bekommt man einen fluktuierenden Kurs um 1:14. Und um ehrlich zu sein macht die Argentinienreise erst mit diesem Kurs Spaß…mit der offiziellen Rate wird’s teuer. Darum sollte man versuchen möglichst genug Dollar zum Tauschen mitzubringen oder falls man all seine Dollarreserven gegen Mendozas Wein eingetauscht hat, bedient sich des findigen Onlinehandels Azimo (immernoch dubios wirkend aber funktioniert hervorragend).

Mit frischen Pesos konnten wir nun die „Altstadt“ von Buenos Aires, das sogenannte Microcentro, erkunden. Nach ein paar Regentropfen am ersten Tag verwöhnte uns die Metropole mit schönstem Wetter bei 25-30°C.

Bei zwei freie Stadtführungen bekamen wir dann die Höhepunkte der prunkvollen, historistischen Architektur und Landmarken argentinischer Geschichte präsentiert. Den selbstgeschenkten Ruf als Paris Amerikas versprach sich Buenos Aires durch die Kopie und Aufskalierung ganzer Straßenzüge der französischen Hauptstadt zur Zeit der Jahrhundertwende. Daneben gibt es zahlreiche Gebäude mit Referenzen zur italienischen Renaissance, griechischen Antike, deutschen Gothik sowie im Jugendstil. Einer der Tour guides brachte die architektonische Situation auf den Punkt: jedes dieser Häuser für sich ist schön, die Mischung ist besonders. Auch einige Bausünden der 60/70er Jahre prägen das Stadtbild. Trotzdem dominiert in Buenos Aires der städtebauliche Wahn die Nähe und Zugehörigkeit zur europäischen Kultur- und westlichen Wertegemeinschaft zu demonstrieren und überzurepräsentieren. Dies wird auch deutlich, wenn man sich einige der wichtigsten Gebäude der Stadt ansieht: der Kongress sieht aus wie der in Washington, der Präsidentensitz ist von italienischen Architekten im Barockstil erbaut, Patrizier kopierten spanische und italienische Palazzos und französische Palais, ein Obelisk ist Wahrzeichen der Stadt…usw Aber Buenos Aires läd auch zum Verweilen in einem der unzähligen, sehr schönen Parks ein.

Die Innenstadt ist von einer riesigen Allee (möglicherweise der breitesten der Welt) durchkreuzt. Diese Achse wird durch den Obelisken und durch ein Hochhaus dominiert, dessen Fassade das Konterfei Evita Perons prägt. Evita ist vielerorts präsent in Buenos Aires: auf Bildern, Karten, Straßennamen und Geldscheinen. Eine unsere Touren führte auch zu ihrem (jetzigen) Grab auf dem beeindruckenden Friedhof Recoletta. Zudem besichtigten wir den argentinischen Präsidentensitz von dessen Balkon Evita alias Madonna so schön für Argentinien sang.

Der offizielle Name des Präsidentensitzes ist übrigens „Casa Rosada“, das pinke Haus. Bei einer anderen Gelegenheit fügten sich Inhalt und Form des Vorplatzes der Casa Rosada als Startpunkt der „Pride Parade“, einer riesigen Demonstration für die Rechte Homosexueller. Auf der zentralen Achse zwischen Präsidentensitz und Kongress zog sodann eine Parade aus bunten Trucks, von denen laute Musik drang, schrille Paradiesvögel, Transsexuelle, politische Parteien, Musikanten, Jongleure und jede Menge Schwule und Leben. Es war…interessant. Sita, die wir auf der Fährfahrt nach Patagonien kennengelernt und zufällig in Buenos Aires wiedergetroffen haben, hat sich mit uns das Treiben angesehen und dafür gesorgt, dass wir bei Laune blieben und stets genügend Bier tranken.

Wir besuchten auch das alte Arbeiterviertel „La Boca“, das mit seinen kleinen, bunten Häusern abseits der künstlichen Touristengasse einen ganz eigenen Charme hat. Hier fanden wir auch das altehrwürdige Fussballstadion.

An anderer Stelle wurde ein altes Hafenviertel, puerto madero, mit Genuss gentrifiziert. In einem Cafe am ehemaligen Pier, an dem nun die katholische Universität anliegt, beendeten wir unsere Erkundungstour durch Buenos Aires und verabschiedeten uns mit einem urbanen Sonnenuntergang.

Übrigens scheinen manche Argentinier „uns Deutschen“ den WM Sieg übel genommen zu haben. Während Anna ungeschoren davon kam, kann ich das leider nicht behaupten…

D.

Letzte Karte nach Buenos Aires

07.-10.11.

Ansich ist Zugfahren für uns ja nichts besonderes. Jedoch ist Zugfahren in Südamerika ein ganz anderes Erlebnis als in Deutschland. In Argentinien gibt es höchstens eine Handvoll Bahnstrecken um Buenos Aires herum.

Interessanterweise war das nicht immer so. Anscheinend gab es in Südamerika einst länderübergreifende Bahnverbindungen zb. von Buenos Aires in das bolivianische Bergland oder über die Anden nach Chile. Lawinen und Erdrutsche zerstörten weite Teile dieser Verbindungen und politische Konflikte und Konfrontationen verhinderten den Wiederaufbau und Inbetriebnahme. Im Landesinneren führten exzessive Liberalisierungspläne zur kompletten Privatisierung des Bahnnetzes sowohl in Chile als auch in Argentinien. In deren Folge wurden die Eisenbahngesellschaften geschöpft, wichtige Investitionen in die Infrastruktur unterlassen und so sukzessive das Bahnnetz marodiert. Unzählige Verbindungen mussten geschlossen und die verschlissenen Reste wieder verstaatlicht werden. Stattdessen gibt es von jeder Stadt gut funktionierende Bus und Fernbusverbindungen. Der politische Fokus auf Bus statt Bahn im öffentlichen Personenverkehr ist zudem einem besonders aktiven und erfolgreichen Lobbyismus der Busfabrikanten wie Daimler und MAN zu verdanken. So ist es wenig wunderlich,  dass wir bisher fast ausschließlich in komfortabel Mercedes Bussen vorangekommen sind…

Jedenfalls ist ein Zug in Argentinien eine echte Sensation. Eine der wenigen Fernverbindungen, ein Rudiment der Verbindung nach Bolivien, führt von Tucuman im Norden nach Buenos Aires. Wir wollten uns diese Sensation nicht entgehen lassen und buchten ein Ticket für die „etwas andere“ Zugfahrt:
der Zug ist ganz klassisch aufgeteilt in Klassen. Ein privates, klimatisiertes Abteil mit zwei Betten kostet 400 argentinische Pesos (ARS) Gesamtpreis. Pullmannklasse mit verstellbaren, komfortabelen Stühlen, ebenfalls klimatisiert kostet 130 ARS. Erste Klasse mit offenem Fenster, verstellbaren aber weniger komfortablen Sitzen kost 70 ARS. Und zu guter Letzt: Touristenklasse. Nicht-verstellbare Sitze, Großraumabteil, minimale Beinfreiheit, aber offene Fenster mit Deckenventilatoren.

Eine Woche vor Fahrtantritt, konnte uns der Herr am Ticketschalter nur noch Plätze in der Touristenklasse anbieten. GEBUCHT! (Schließlich sind wir Touristen) Für 45 ARS. Nun gilt es den Umrechnungskurs zu beachten! Ein Euro ist nach dem offiziellen Kurs 10 ARS wert. Das heißt wir hatten ganze 4,50 Euro zu zahlen. Für über tausend Kilometer Strecke. Der Haken: die Fahrt dauert mehr als 30 Stunden…

Nachdem wir unsere großen Rucksäcke im Gepäckwagen verstaut hatten, begaben wir uns bis an die Spitze des Zuges. In einer Vierer-Sitzgruppe, gegenüber der uns zugewiesenen Plätze, saßen bereits zwei füllige Damen in hautengen Leggings und noch engeren Tops. Die Fahrt begann Samstag um 21 Uhr. Kurz darauf machten wir uns mit den Damen gegenüber bekannt. Die beiden Schwestern, Norma und Gihermina, hatten vor eine dritte Schwester in Buenos Aires zu besuchen. Die beiden waren nett, lachten viel und hatten auch das Glück die Karte für eine bessere Klasse erwerben zu können verpasst. Und wir verließen die Stadt im Schneckentempo. Das mag daran gelegen haben, dass es nur minimalen Abstand zwischen dem Zug und den angrenzenden Häusern und Hütten und dazu unzählige unbeschränkte Bahnübergänge gab. Man konnte direkt in die sperrlich beleuchten Häuser hineinsehen, unser Zug riss Blätter und Zweige von zu dicht stehenden Bäumen und wurde permanent von wachsamen Hunden angebellt. Aber auch Kinder und ganze Familien hielten zwangsweise oder aus Interesse an den Bahngleisen und winkten uns zu.
So tuckerten wir langsam die holprige Strecke entlang und wurden allmählich müde. Dummerweise konnte kein Mitglied unserer Sitzgruppe schlafen weil niemand die Beine ausstrecken konnte. Zum Glück konnten wir bei einem baldigen Zwischenstopp beobachten, dass sich die Rückenlehnen mit und entgegen der Fahrtrichtung umklappen ließen. So lösten wir im allseitigen Einvernehmen unsere Sitzgruppe auf und saßen fortan hintereinander in Zweierrotte. Nun konnte jeder die Beine ausstrecken und unsre ehemaligen Gegenüber kicherten vor Freude.
So wurde die Nacht besser als erwartet, aber immernoch nicht (…)gut. Am Morgen wurden wir von einem traumhaften Sonnenaufgang geweckt. Den ganzen restlichen Tag tat die Sonne dann auch alles, um die Erinnerung an ihren Aufgang wachzuhalten. Die Temperatur stieg schnell und der Fahrtwind blieb lau. Größtes Ereignis des Tages: Einmal gingen wir zur Abkühlung in den klimatisierten Speisewagen und kühlten uns ab. Ansonsten galt es die vielen Menschen zu beobachten, die Hinternbacken abwechselnd stark zu belasten und die Landschaft vorbeiziehen zu lassen. Langer Text, lange Fahrt, kurzer Sinn: letztendlich schlichen wir uns an Buenos Aires heran und kamen gegen 3 Uhr morgens am Hauptbahnhof an. Der freundliche Mann einer freundlichen Mitreisenden, fuhr uns schließlich bis vor die Tür unseres neuen Hostels. Nach einer ausgiebigen Dusche fielen wir müde in die flachen, gemütlichen Betten.

D.

Heißer Norden

Wir sind dem Ruf der Bergprediger („muchos, muchos colores!“, „muy, muy lindo!“, „incrérible!“) gefolgt und haben die Attraktionen des hohen Nordens Argentiniens besucht.

Von der Provinzhauptstadt Salta, genannt die Schöne, aus haben wir unsere Erkundungstour gestartet. Salta besticht durch seine günstige Lage am Fuße mehrerer grüner Berge, einer sauberen, gepflegten Innenstadt mit kolonialer und neoklassizistischer Architektur.

Eine Exkursion führte uns zunächst entlang der Strecke des „tren a las nubles“ („Zug in den Wolken“), allerdings statt auf den Schienen auf der Schotterpiste, da die Bahn seit einer Entgleisung im Juni gesperrt ist. So ratterten wir entlang eines trockenen Flussbettes in das wüstenähnliche Hochland der argentinischen Anden. Die zahlreichen Kakteen erreichen hier beachtliche Höhe und zieren den Gipfel so manches Berges wie natürliche Gipfelkreuze.
Der Weg führte uns wiederum in pittoreske Dörfer,  die die Energiewende bereits vollzogen haben und unerwartet leckeres Lamaschnitzel auftischten, vorbei an einer Salzwüste über Hochgebirgspässe von bis zu 4100 m.

Um die Sauerstoff-arme Höhenluft zu vertragen, machten wir es den Inkas gleich und entzogen einem zehnteiligen Kokablattballs seinen homöopathischen Saft.

Kokablätter sind als Erbe der Inkakultur in ganz Argentinien Legal, werden aber hauptsächlich im tatsächlich hohen Norden verkauft und genutzt. Der Geschmack ist ähnlich dem grünen Tees und die Wirkung sehr moderat – und nicht sehr berauschend. Außerdem wurde uns erklärt, Kokablätter sind für Kokain wie Trauben für den Wein. Und wer würde schon Trauben verbieten.

In dem wunderschön gelegenem, kleinen aber touristischen Purmamarca schlugen wir unser Zelt auf. Auf kleinen Wanderungen in die farbenfrohen Berge erhaschten wir immer neue aufregende Ausblicke auf die „cerros de 7 colores“.

Eine weitere Exkursion nach Humahuaca brachte uns nah an die bolivianische Grenze, was man sowohl an den einfachen aber gemütlichen Lehmhütten als auch an den Gesichtern der Einheimischen erkennen konnte.

Von hier aus, einmal mehr über Salta, zogen wir weiter in das beschauliche CachÍ. Die 150 km lange Fahrt über Serpentinen, saftig grüne Wald Passagen zurück in die Hochland-Wüste konnten wir 5 Stunden lang genießen. Vor allem Anna, deren Magen sich derweil um sich selbst knotete.

In unserer Erinnerung wird von CachÍ wohl vor allem der überragende Campingplatz und die spürbare Nähe zur Sonne bleiben.

Die geplante Weiterfahrt nach Cafayate gestaltete sich insofern schwierig als dass keine öffentlichen Verkehrsmittel die beiden Dörfer verbinden. Glücklicherweise ist die malerische Strecke entlang zerkarsteter Landschaften beliebtes Ziel von Mietwagen-Touristen. So fanden wir nach einigem Fragen ein englische Paar, das uns auf ihrer Rückbank mitfahren ließ. Die tolle Aussicht hat unseren Aufwand allemal entschädigt. Zudem besichtigten wir ein weiteres Weingut, direkt in der Wüste und eine Vicuña Streichelei.

Letzter Programmpunkt im Norden im Norden war eine Fahrradtour die „quebrada de las conchas“. Bei hohen Temperaturen aber angenehmem Wind, konnten wir uns auf ordentlichen Mountainbikes abgefahrene Gesteinsformationen bestaunen, zB Amphitheater, Teufelsschlucht, Obelisk, oder Frosch. Bemerkenswerterweise ist der offiziellen Beschilderung die sinkende Titanic entgangen.

Nordargentinien endete für uns mit einem Gourmetessen aus einem Medium gebratenen Rinderfilet in Malbec-Reduktion an Karottenpüree und einem regionalen Ziegenkäse auf Rucolasalat serviert mit eiskaltem salta- Cerveza für 25 € komplett.

Aus Tucuman verabschieden wir uns vom Norden in Richtung Buenos Aires!

D&A

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Mendoza: Zurück in die Anden

26.10.-31.10.

Anscheinend ist es normal, dass man im Verlauf einer größeren Reise – zumeist nach der Hälfte – eine gewisse Krise durchlebt. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Reise nicht akribisch durchgeplant ist. So erging es auch uns. Nachdem wir feststellen mussten, dass es an der nördlichen argentinischen Küste tatsächlich nicht viel mehr als nichts zu besichtigen gibt, trafen wir nach zähem Ringen die Entscheidung ans andere Ende des Landes, zurück an die Anden zu fahren. Nach Mendoza.

Mendoza, weltweit bekannt für seinen Rotwein, liegt eigentlich in  einem sehr trockenen Gebiet. Sowohl die Bäume in der Stadt als auch der Wein werden künstlich bewässert durch ein offenes Kanalsystem, das mit Wasser aus den naheliegenden Anden gespeist wird. Nachdem die Stadt bei einem schweren Erdbeben 1861 fast vollständig zerstört worden war, wurde beim Wiederaufbau darauf geachtet, breite Straßen und große Plätze anzulegen um im Fall der Fälle besser gerüstet zu sein. Diese Straßen und Plätze sind heute gesäumt von prächtigen Bäumen und verleihen Mendoza ein gemütliches (grünes) Antlitz.

Zentrales Motiv unseres Aufenthaltes in Mendoza war dann auch der Wein. Schon auf der Fahrt nach Mendoza hatten wir das Glück eine Flasche argentinischen Weißweins beim busweiten Bingo zu erspielen.

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Dem kleinen Jungen war tierisch langweilig darum haben wir uns mit ihm angefreundet und gespielt

Sie beendete nach einer kurzen Stadterkundung den ersten Abend in Mendoza. Um sowohl die Umgebung Mendozas als auch den hiesigen Rotwein kennenzulernen, fuhren wir außerdem in die nahe Weingegend Maipu. Dort mieteten wir uns Fahrräder und besuchten verschiedenene kleine Weingüter. Die Freude über die Fahrt auf der ansich pittoresken Landstraße mit Aussicht auf die nahen Anden und Weinfelder wurde leider deutlich durch den unerwartet dichten Verkehr von LKWs und Bussen getrübt. Gut, dass dies dem Wein offensichtlich nicht schadet. So tranken wir gut und nicht wenig. Ausgedehnte Pausen und eine finale Olivenölverkostung bewahrten uns sowohl davor die Fahrspur zu verlieren, als auch einen Kater zu bekommen.

Neben einem Wandertag in den nahegelegenen Anden, der hier nur durch Fotos näher beschrieben werden soll, konnten wir unseren Aufenthalt in Mendoza auch nutzen um einen Bekannten aus Puerto Montt wieder zu treffen: Gustavo.

Der Professor für Elektromechanik kommt ursprünglich aus Mendoza und ist ein Freund des Reisens und des Weins. Daher war es ein sehr illustres Wiedersehen mit ihm und seiner Tochter. Bei einem typisch argentinischen Grillfest, genannt „asado“, konnten wir (auf spanisch) über vergangene und zukünftige Reiserouten plaudern. Gracias, Gustavo 🙂

A&D

Natur in Extase

23.10.

Ein grandioses Naturschauspiel wurde uns bei diesem ersten Ausflug in Argentinien zuteil. Weil es größerer sprachlicher Ausschweifungen bedürfte dieses Erlebnis angemessen zu beschreiben, versuche ich mich auf eine Auflistung des Erlebten und einiger Bilder zu beschränken…

Morgens bei Flut sind wir mit dem Auto, zu fünft (inklusive Guide) an einen Strand in der Nähe von Puerto Madryn gefahren und haben zuerst eine rieeesige Spinne gefunden.

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Hauptdarsteller dieser lichtgefluteten, funkelnden Szenerie waren jedoch andere: Wale. Vom Strand aus konnten wir etwa ein Dutzend Glattwale (Südkaper) beobachten. Wir wussten nicht wohin wir schauen sollten, weil sich die Wale über die gesamte Länge des Strandes tummelten. Sie sprangen, trommelten mit den Flossen auf der Wasseroberfläche und prusteten Fontänen in die Luft. Mehr konnten wir für diesen Tag nicht erhoffen und doch kam es noch dicker.

Wir fuhren auf die geschützte Halbinsel Valdez. Dort wimmelte es von Guanakos (Lamas) und Nandus. Mit einem kleineren Boot sind wir dann in eine nahe Bucht vor Puerto Piramides rauagefahren. Nun ging das Spektakel erst richtig los. Bereits nach 10 Minuten stießen wir auf zwei Wale – eine dunkle Mutter mit einem weißen Baby. Auch sie sprangen und spielten in unmittelbarer Nähe des Bootes. Einmal tauchte das Junge direkt unter unserem Boot entlang. Durch das klare Wasser konnten wir kleinste Bewegungen dieses Riesenbabys verfolgen. Höhepunkt war ein gemeinsamer Sprung von Mutter und Kind vor unserem Boot.

Es konnte nicht mehr besser werden und doch fuhren wir weiter in die Bucht und sahen noch mehr Wale in einiger Entfernung. Dann die nächste Sensation: Unser Kapitän lenkte das Boot direkt in eine riesige Herde Delfine. Ne Mijoooon Delfine!  Der Kapitän sprach von über einhundert. Und tatsächlich – wohin man blickte, sah man in Extase schwimmende und hüpfende Delfine: unter uns, neben uns, etwas weiter entfernt und ganz nah. Für Anna erfüllte sich in diesem Moment ein Kindheitstraum:)

Doch die Insel hatte NOCH mehr zu bieten. Am anderen Ende der Küste, der zum offenen Atlantik Geneigten, erwarteten uns nochmals Pinguine (immer, immer wieder nett anzusehen) und riesige, gemütliche Seeelefanten. Jede Bewegung schien den gewichtigen Bullen schwer zu fallen, weshalb sie sich maximal einige Zentimeter vorrobbten um sogleich in der Sonne bei leichter Brise auszuruhen. Nur die (auch ziemlich fetten) Seeelefantenküken machten von Zeit zu Zeit ein paar Meter gut und bettelten nach Futter. Sehr amüsant!

Als i-Tüpfelchen der Tour durch die Halbinsel Valdez sahen wir noch Maras, die sogenannten Pampashasen. Sie haben ungefähr die Größe von einem kleinen Reh, sehen aber aus wie Hasen mit längeren Vorderläufen. Die waren auch ziemlich entspannt und hatten glücklicherweise auch gerade Nachwuchs. Wermutstropfen des Tages war ein Unfallopfer, das wir auf der Straße fanden: ein Gürteltier wurde anscheinend von einem Auto erfasst und lag nun halbtot mit gebrochenen Hinterbeinen vor unserem Wagen. Die Kehrseite des Ökotourismus…

Fazit: Die Halbinsel Valdez ist wahrhaft einmalig und wunderschön. Dieser Ausflug dahin war überwältigend und ich hoffe diesen Tag nie zu vergessen.
D.