Archiv der Kategorie: Chile

Isla Dawson – Zutritt aus Sicherheitsgründen verweigert

Zwischen dem südlichen Festland Chiles und der Insel Feuerland liegt die Isla Dawson. Mit einer Fläche von 1290 ha etwa halb so groß wie das Saarland, ist die Insel heute ein Militärstützpunkt der chilenischen Marine mit 300 Einwohnern.

Auf dieser kleinen Insel am Ende der Welt wurden traurige Episoden chilenischer Geschichte geschrieben.
Nach der Besiedlung Feuerlands durch die Spanier Mitte des 19ten Jahrhunderts, wurden die Ureinwohner, das Volk der Selk’nam, auf ihrer Heimatinsel Feuerland gejagt und ermordet um den Schafzüchtern und Goldsuchern Platz zu machen. Ein kleiner Teil der Selk’nam wurde auf die Isla Dawson gebracht wo sie durch die ihrem Immunsystem unbekannten Krankheiten der Europäer auch starben.

Hundert Jahre später, nach dem Putsch gegen die Allende Regierung im September 1973, ergriff Pinochet die Macht. Mithilfe eines ehemaligen deutschen SS-Offiziers, Walter Rauff, wurde auf der Isla Dawson ein Konzentrationslager für politische Gegner errichtet, das wohl zwischen 1974 und Ende der Achtziger genutzt wurde und erneut viele Menschen das Leben kostete.

Erst im Jahr 2010 wurde das ehemalige Gefängnis/KZ zu einem historischen Monuments Chiles erklärt. 2013 durfte eine Delegation von 50 Mitgliedern von Menschenrechtsorganisationen das Gefängnis besichtigen. Außerdem gibt es einen Spielfilm namens „Dawson. Isla 10.“, basierend auf dem Bericht des ehemaligen Insassen Sergio Bitar. Der Film war nominiert für den Oskar als nicht englischsprachiger Film.

…Die tragische aber interessante Geschichte der Insel hat uns dazu bewogen den Versuch zu unternehmen auf die Insel zu kommen. Nachfragen im Hostel und in der Touristeninfo ergaben, dass Isla Dawson durch kein ziviles Schiff sondern nur mit Hilfe und Erlaubnis der chilenischen Marine zu erreichen ist. Also gingen wir zur örtlichen Admiralität. Annas Spanischkenntnisse wurden dabei auf eine harte Probe gestellt. Mühsam arbeiteten wir uns mit unserem Anliegen von Dienstgrad zu Dienstgrad die Karriereleiter empor. Die Schulterklappen wurden voller – aus Strichen wurden Punkte und Anker. Am Ende sprachen wir mit einem Kapitän. Anna versuchte ihm zu erklären, das wir gerne die Insel und das dortige ehemalige Gefängnis besuchen wollen. Von einem Gefängnis schien der Herr nichts zu wissen…auf die Frage nach dem Nationaldenkmal antwortete er sinngemäß „ja, dort gibt es eine sehr alte Kirche“…
Außerdem erklärte er uns, um die Insel betreten zu dürfen, bräuchten wir eine offizielle Zugangsberichtigung und um die zu bekommen sollte man einer Organisation angehören und einen triftigen Grund haben. Einen Tipp hatte er dann auch noch parat: ein plausibler Grund die Insel zu besuchen wäre doch eher das Beobachten der Flora und Fauna…alles klar.
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Nach gründlicher Überlegung entschlossen wir uns es zu versuchen. Immerhin gehören wir noch immer der Organisation „Universität Heidelberg“ an. Bezüglich des Zwecks unseres Besuchs dachten wir sofort an unseren Professor und passionierten Vogelkundler Prof Wink. Im einer Mail schilderten wir ihm unser Vorhaben und das damit verbundene Problem. Schon am nächsten Morgen hatten wir seine Antwort mit der von ihm verfassten Bitte uns auf die Insel zu lassen um endemische Arten auf der isolierten und nahezu menschenleeren Insel zu dokumentieren. An dieser Stelle daher Vielen Dank an Herrn Wink! Also bereiteten wir am nächsten Tag ein offizielles Anschreiben vor, kopierten Pässe und Studienbescheinigungen und zogen erneut zur chilenischen Armada. Überrascht uns tatsächlich wiederzusehen, durften wir noch einen Dienstgrad höher wandern. Außerdem durften wir nun auf zwei durchgesessenen Ledersesseln gegenüber des Ölgemälde eines Viermasters auf stürmischer See platznehmen.
Dort sitzend informierte uns dieser Herr nochmals geduldig und eindringlich über Risiken und Nebenwirkungen der Besichtigung der Isla Dawson. Nachdem wir noch immer nicht von unsrem Vorhaben abrückten und ihm stattdessen den förmlichen Antrag in die Hand drückten, versprach er uns aber sich noch am selben Tag per Mail zu melden…Da das Wochenende vor der Tür stand ist das natürlich nicht passiert. Montags morgens sind wir daher abermals zur Admiralität aufgebrochen, um uns nach dem Stand unserer Anfrage zu erkundigen. Mittlerweile begrüßten uns die wacheschiebenden Matrosen mit soldatischem Gruß und breitem Grinsen.

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Offizier vom Dienst auf den bereits beschriebenen Ledersesseln wurden wir abermals vertröstet. Die Entscheidung sei noch nicht gefallen; wir sollten es abends nochmal versuchen. Gesagt getan. Als Anna ebenjenen Offizier wiederum nach der Berechtigung fragte, antwortete er nüchtern „Moment, ich gehe die Antwort holen“ und verschwand im Gebäude.
Wir nahmen also wieder platz auf den Ledersesseln mit Blick auf das schiefe Ölgemälde und warteten. Einige Minuten später wurde uns dann das förmliche Schreiben der chilenischen dritten Armada übergeben, indem uns mitgeteilt wurde, dass es aus Sicherheitsgründen leider nicht möglich ist uns den Zugang auf die Insel zu gewähren. Das chilenische Militär konnte also nicht für unsere Sicherheit garantieren auf einer Insel, die nur von Militärs bewohnt wird. Nunja.
Die Chance auf die Insel Dawson zu kommen war gegeben und wir haben es zumindest versucht. Man muss sagen die Marineleute waren sehr freundlich und geduldig. Auch wenn es letztlich nicht geklappt hat, war die Erfahrung mit den Soldaten interessant und aufregend. Außerdem haben wir so einen besonderen Abschiedsbrief aus Chile erhalten.

A&D

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Feuerland

19.10.

Bis ans Ende der Welt sind wir gekommen…oder zumindest bis an das Ende des amerikanischen Festlands. Zwischen uns, der Antarktis und dem offenen Ozean liegt jetzt nur noch die große Insel Feuerland, isla terra del fuego.

Da wir uns entschlossen haben, statt immer weiter in den Süden zu rutschen, endlich den wärmeren Norden zu bereisen, wollten wir doch wenigstens ein paar Schritte auf dem vielbesungen Feuerland zurücklegen.

Der Name Feuerland ist übrigens auf den Entdecker Magellan zurückzuführen. Als er Feuerland umsegelte, leuchteten ihm die vielen Lagerfeuer der Ureinwohner entgegen.

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Die weitere Geschichte der Besiedlung und des Umgangs mit der indigenen Bevölkerung durch die Europäer ist so grausam und unrühmlich wie überall auf dem amerikanischen Kontinent. Das ansässige Volk der Selk’nam wurde verfolgt, gegen Kopfsgeld gemordet und schließlich ausgelöscht. Nun dienen alte Fotografien und lebensgroße Holfiguren als ethno-touristische Kuriositäten.

Mit einer Autofähre fuhren wir in die in einer kargen Bucht gelegenen Kleinstadt Porvenir. Dieser Teil von Feuerland ist sperlich mit niedriger Vegetation bewachsen. Die Inselwelt ist schroff, von Menschen dünn besiedelt aber reich an Vögeln. Besonders lautstark machen sich Ibise bei unserer Ankunft bemerkbar. Obwohl die Insel von Wind und Sturm gezeichnet ist, haben wir einen warmen, sonnigen und nahezu windstillen Tag. Höhepunkt unserer Erkundungstour durch Porvenir und Umgebung war ein Bier am Ufer der Bucht.

Wer sich (wie ich) schon immer gefragt hat, welches Bier am Ende der Welt getrunken wird, bekommt nun die ungeahnt sensationelle Antwort: Darguner Pils! Ein Bier aus Mecklenburg-Vorpommern. 

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Kein Quatsch, PLZ und Telefonvorwahl stimmen überein… So verbinden sich die beiden Enden der Welt in einem sonnigen Moment flüssigen Glücks. 

Mit dieser Erkenntnis und einem sich bewölkenden Himmel im Rücken stellten wir fest, es ist Zeit wir müssen aus Feuerland zurück…nach Norden…

D.

Pinguine und Seelöwen

18.10.

Heute haben wir einen ganz besonderen Ausflug gemacht. Wir haben mit dem Boot zwei verschiedenen Inseln besichtigt: Eine der Inseln, die Isla Magdalena, beherbergt eine riesige Pinguinkolonie. Die zweite Insel, isla Marta, ist Nistplatz für tausende Kormorane und Adresse einer großen Seelöwenkolonie.

Die Pinguininsel konnten wir per Landgang erkunden und dabei den kleinen Magellanpinguinen ganz nah sein. Wir konnten in ihre kleinen Erdhölen blicken und die Inneneinrichtung bestaunen, haben fleißige Dekorateure beim Matrialtransport angefeuert und der Morgentoilette beigewohnt. Es schien als wären wir exklusive Zuschauer einer klischeebehafteten Pinguin-Telenovela. Es gab konservative Paare mit Männern, die sich dem Nestbau und der Nahrungsbeschaffung verschrieben haben während die Ehefrau vor dem Ei sitzt. Es gab Junggesellen und Alleingebliebene, die sich lautstark nach einem Partner umsahen.

Doch es gab auch Intrigen und Kriminalität: Streuner, die anderen unbescholtenen Pinguinen Nistmaterial stehlen oder in fremder Männer Höle dringen.  Natürlich gab es auch Liebeleien und Techtelmechtel, die blumiger nicht hätten enden können. Insgesamt eine einmalige Vorstellung dieser putzigen, watschelnden Vögel.

Um die Tiere nicht zu stören und uns selbst nicht zu verfüttern, durften wir die zweite Insel nicht betreten, konnten sie aber bestens vom Boot aus beobachten. Wir haben Seelöwen gesehen, die unglaublich viel Lärm gemacht und kräftig gebrüllt haben. Außerdem waren da auch noch andere Robben…ganz zu schweigen von den hunderten Kormoranen, die mit ihrem schwarz-weißen Gefieder aussehen wie flugfähige Pinguine. Klasse.

D.

Faro isidro: Ausflug zum Leuchtturm

17.10.

Nachdem die Beratung der freundlichen Frau in der Touristen Information in Punta Arenas endete mit: „Pinguine? – habt ihr schon gebucht… Torres Del Paine? – da kommt ihr gerade her… Ok, mehr gibts hier nicht“, machten wir uns eigenhändig auf die Suche und fanden den Leuchtturm Isidro als nächstes Ausflugsziel. Aufgrund der fehlenden öffentlichen Busverbindung, beschlossen wir zu viert (mit Thomas und Wayne) ein Auto zu mieten, damit soweit wie möglich (ca. 60 km) in Richtung Leuchtturm zu fahren.

Nachdem sich die geteerte Straße in einen schotterweg verwandelte, der irgendwann mit unserem Standard-Kombi nicht mehr befahrbar war, machten wir uns zu Fuß auf den Weg, immer am Strand entlang in Richtung Leuchtturm. Gleich zu Beginn fanden wir einen weiteren Gefährten, einen Hund, den wir Ralph tauften und der uns den ganzen Weg hin und zurück begleiten sollte. Die Aussicht war die ganze zeit über unglaublich schön, der weitestgehend unberührte Strand, das in der Sonne (ja, Sonne!) glitzernde Meer und in der ferne die teils schneebedeckten Gipfel der umliegenden Inseln wie Feuerland oder der Isla Dawson (mehr dazu in einem anderen Bericht). Nach jeder Bucht kam eine weitere Bucht, einmal musste ein Fluss auf einer abenteuerlichen Brücke aus umgekippten Bäumen überquert werden und nach ca. 3 stunden Wanderung tauchte der Leuchtturm am Ende der nächsten Bucht auf.

Dort angekommen freuten wir uns auf ein heissgetränk und etwas essbares in der Lodge, die im Internet beworben wurde. Leider ist immer noch nebensaison und hier kam mal die negative Seite zu tragen: die lodge war geschlossen. Als der Wärter Carlos jedoch unsere Ankunft bemerkte, lud er uns freundlicherweise zu einem Tee in der geschlossenen Lodge ein – das war so nett und tat so gut! Nach einer kurzen Besichtigung des ebenfalls geschlossenen Leuchtturms sputeten wir uns auf dem Rückweg um das Auto möglichst noch im Hellen zu erreichen. Der Sonnenuntergang war wunderbar rosa und die Rückfahrt geprägt von Hunger und Müdigkeit!

Zurück in Punta arenas gab es die chilenischen Klassiker: hamburgesa completa für Daniel und Hot dog mit Sauerkraut, Tomaten, Mayo und Avocado für mich 🙂

A.

Torres del Paine

10.-13.10.

Kaum hatten wir mit unserem Schiff in Puerto Natales angelegt, ließen wir uns von unseren Schiffskamaraden mitreißen und gingen schon am nächsten Tag in den als Naturweltwunder geltenden Nationalpark „Torres del Paine“. Also ließen öwir uns über Wanderwege, Parkregeln und Wetter informieren um sodann trockenes und kompaktes Essen zu besorgen.

In aller Frühe verabschiedete uns der Hotelbesitzer mit selbstgebackenem Brot, Omlett und echtem Kaffee. Einem Stromausfall haben wir es zu verdanken, dass das Frühstück bei Kerzenschein und Kaminfeuer stattfand.
Gut genährt aber müde machten wir uns also auf den etwa 100 km entfernten Nationalpark zu besuchen. Schon die Busfahrt dahin war eindrucksvoll.

Achtung: wer keine Naturbeschreibungen und Wandergedöns mag, hier die Kurzfassung: wir waren 4 Tage in den Bergen wandern und es war anstrengend, kalt und windig.

Wir fuhren durch weitläufige Prärie, vorbei an unzähligen Lamas, an Nandus und sogar Flamingos. Am Horizont thronten stets mächtige, schneebedeckte Berge. Im Park angekommen präsentierte sich die Natur von ihrer einschüchternden Seite mit Windböen von 150 km/h und bewölktem Himmel. Mit einem Katamaran fuhren wir über einen türkisfarbenen See. Die Windspitzen zerstreuten das Wasser und ließen kräftige Wellen über dem Boot zusammenschlagen. Das hat gefetzt, denn wollte man sich bewegen, musste man unweigerlich diese Matrix-ähnlichen Bewegungen ausführen. Am anderen Ufer startete unsere Wandergruppe bestehend aus einem australischen Ehepaar englischer bzw französischer Herkunft, einem Deutschen, einer holländischen Australierin und einem eingeborenen Australier und uns. Unser Wanderplan sah die sogenannte W-Route (rot) vor.

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Sie führte uns bei immernoch heftigem Wind über schroffe Pisten und glattes Gestein zu einem riesigen Gletscher, der einen großen Gletschersee speist. Die mäßige Steigung und unsere 15 Kilo Wandergepäck ließen uns trotz Kühlschranktemperatur nicht frieren und gelegentlich hatten wir sogar Sonnenschein. Auf einem Campingplatz nahe dem Gletscher haben wir dann im Zelt übernachtet und bei Wind und Minusgraden ziemlich gefroren. Am nächsten Tag legten wir eine ordentliche Wanderstrecke zurück um einen anderen Campingplatz zu erreichen, der weder Strom noch Wasseranschluss hatte. Auf dem Trockenen saßen wir aber trotzdem nicht. Überall im Park sprudeln Quellen aus dem Berg und so hat das Wasser in Bächen und Flüssen Trinkwasserqualtät. So konnten wir Wasser für Nudeln und zum Trinken direkt aus dem Fluss zapfen. Nur das Abwaschen des Geschirrs im eisigen Wasser war eine ungemütliche Angelegenheit.

Die Landschaft um die Torres del Paine ist einfach sagenhaft. Zwar zeigte sich der Park uns schroff und unwirtlich jedoch von einer wilden und ungestümen Schönheit. Alle paar Kilometer verändert sich die Landschaft, wandelt ihren Charakter. Wir passierten enge Schluchten, Gletscher, Ufer glasklarer Bergseen, steile Klippen mit grandioser Aussicht und im Zentrum steht immer das Gesteinsmassiv, das dem Park seinen Namen gibt. Die Torres del Paine sind steil aufstrebende Massive, die aussehen wie nebeneinander stehende Türme. Leider versperrten uns meist dichte Wolken den Blick auf die schneebedeckten Gipfel und die berühmte Gesteinsformation. Eigentlich konnten wir nur am ersten Tag die Torres bewundern.

Auch die Tierwelt im Nationalpark ist faszinierend. Es gibt eine Vielzahl von Vögeln und sogar Puma. Einige Leute hatten das Glück tatsächlich Pumas zu sehen. Einer von ihnen will sogar einen Puma einen Hasen fressen sehen haben. Wir dagen haben statt Pumaa leider nur Hasen gesehen. Das beeindruckendste waren dann auch riesige Kondors, die hoch am Himmel mit den heftigen Winden segelten und über unsere Köpfe flogen. Majestätisch.
Doch auch einige traurige Landschaftsbilder sind an uns vorbeigezogen. Ein Brand im Jahr 2010, ausgelöst durch rauchende Besucher, hat große Teile des Nationalparks, vor allem die uralten, lichten Wälder vollkommen zerstört. Unzählige trockene  Baumskelette, die wie silberne Grabsteine den Wegesrand markieren, trotzen noch immer dem kräftigen Wind.

Am dritten Tag hat uns das Wetter ordentlich zugesetzt. Zunächst hatte es nur ein wenig geschneit aber bald fing es an kräftig und ausdauernd zu regnen. Irgendwann waren wir gründlich durchnässt aber dadurch auch richtig schnell. Wir haben uns dann in ein Refugio geschleppt und kurze Zeit später unsere gesamte Wandergruppe gefunden. Da die meisten von uns ein warmes Zimmer im Refugio bevorzugten, konnten wir glücklicherweise deren Campingausrüstung abgreifen und hatten so dank zwei Schlafsäcken und Isomatten pro Person die beste Nacht unseres Wanderausflugs. Zuvor haben wir uns aber noch eine warme Dusche und frisches Bier im warmen Refugio gegönnt.
Leider mussten wir letztendlich feststellen, dass zwei unserer Hauptausflugsziele wegen schlechtem Wetter (Schnee und starjer Wind) gesperrt waren. So konnten wir weder den hängenden Gletscher noch die Paradeansicht der Torres bewandern. Unsere unsere Wanderroute wurde so von einem veritablen W zu einem mickrigen L. Das  war schade.

Doch das Wetter hier unten in Patagonien ist kaum vorhersagbar. Nur hätten wir uns ein besseres Informationsmanagement der Ranger im Park gewünscht. Dennoch war unsere Wanderung ein kleines Abenteuer und ein unvergessliches Naturerlebnis.

D.

Mit der Fähre nach Patagonien

05.-09.10.

Kein Segelboat, kein Partyboat: Frachtschiff!

Wie weitläufig gewarnt verschob sich die Abfahrt der Fähre von Puerto Montt ins 2000 km südlichere Puerto Natales von Freitag Mittag auf Sonntag Abend. Was einige dazu bewegte auf einen Flug umzubuchen, gab uns die Gelegenheit die Umgebung um Puerto Montt näher zu erkunden und so zB das schon erwähnte Oktoberfest und die Insel chiloe kennenzulernen.

Sonntagabend um 20:00 Uhr war es dann soweit: statt dem aktuellen Tatort gab es eine Busfahrt vom Navimag Terminal zur Bootsanlegestelle, wo die (leere) Fähre „Eden“ uns schon erwartete. An Bord wurden zunächst die Kabinen bezogen und als positive Überraschung durfte jeder eine Kabine für sich haben, da Dank der Jahreszeit nur die Hälfte der Betten belegt waren. Anschließend wurde uns ein reichhaltiges Abendmahl verabreicht und die sicherheitseinweisung durchgeführt. Dabei stellte sich leider heraus, dass wir uns unseren Rotweinvorrat unnötigerweise angelegt hatten. Seit wenigen Wochen herrschte versicherungsbedingt Alkoholverbot an Bord, da einige Trunkenbolde zuvor auf die grandiose Idee gekommen sind, ein Grillfest in ihrer Kabine zu veranstalten und damit ein größeres Feuer auslösten. Für einen solchen Zwischenfall wollte die Versicherung hernach nicht mehr aufkommen. Bei den Passagieren stoß dies auf Unverständnis zumal die meisten noch besser „vorbereitet“ waren als wir. Nach einem ersten Kennenlernen und dem Besuch des „bordkinos“ („Lucy“, sehr amüsant, vor allem von der wissenschaftlichen Seite aus 🙂 war es zeit ins Bett zu gehen. Während wir schliefen wurde die Fähre voll beladen mit LKWs voller Lachsfutter (70 Tonnen), lebende Lachse in Tanks, Reperaturgut für einen im Wind umgefallenen Telefonmast und alles, womit das südliche Patagonien sonst noch so beliefert werden muss, also wirklich einfach fast alles.

Die Lachszucht in Form von Aquakultur ist zu einem sehr großen Industriezweig im Süden Chiles geworden und Puerto Montt als Umschlagspunkt ist die momentan am schnellsten wachsende Stadt Chiles. Leider werden diese Aquakulturen nicht besonders umweltverträglich betrieben. Es werden große, aus Netzen bestehende Tanks ins Meerwasser gehängt, worin dann so viele Lachse wie nur möglich gehalten werden. Das Futter besteht zu ca. 20% aus Antibiotika, damit so viele Lachse wie möglich das auch überleben. Das Futter sowie die Ausscheidungen der Lachse gelangt ins Meer, damit auch zu allen anderen Meeresbewohnern und führt insgesamt zu einer Übersäuerung des Meeres. Der auf diese Art gewonnene Lachs wird dann fast ausschließlich in die USA und nach Europa exportiert. Also, Finger weg von chilenischem Lachs.

Nachdem das Schiff voll beladen war legten wir um ca 5:00 morgens ab und fuhren gen Süden. Fortan wurden wir immer um 8:00, 12:30 und 18:30 Uhr mit Essen versorgt und sonst verbrachten wir den ganzen Tag mit: Nichtstun! Kein Internet, kein telefonempfang, nichts außer uns in den Fjorden und auf dem Ozean! Herrlich! Mit dem Wetter hatten wir viel Glück wodurch wir die meiste zeit an Deck verbrachten um eine Million Fotos von der atemberaubenden Landschaft patagoniens zu machen. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Eisschollen die von einem Gletscher hertrieben, schneebedeckte Gipfel, kleine Wasserfälle zwischendurch, diverse Vögel (zB die Magellan-Dampfschiffente, eine „flugunfähige Halbgans aus der Gattung der Dampfschiffenten“ 🙂 … Und nach etwas Glück auch ein paar Delphine 🙂 die riesigen Blauwale konnten sich leider erfolgreich verstecken. Meistens schaukelte es nicht viel, aber auf dem offenen Ozean wars doch rau.

Genug zeit also auch um die anderen Passagiere kennenzulernen: Steiner, der 72jährige Norweger, der seit 1,5 Jahren mit seinem Auto von Alaska nach Patagonien fährt; Peter, der deutsche Ingenieur, der überall auf der Welt arbeitet und alle Deutschlandspiele der WM live im Stadion gesehen hat (und von Aussehen und Art an Holger erinnert); Zita, die holländisch-australische Lastwagenfahrerin; Luke, der australische Scherzkeks mit Ureinwohner Vorfahren; Johannes, der mit seiner Drohne professionell Luftaufnahmen macht, den besten deutschen Akzent auf englisch hat und unbedingt in der südlichsten Bar der Welt in Puerto Williams ein Bier trinken will; Jens, der Belgier dem Deutsch so gut gefällt und dessen Familie eine nur teilweise geöffnete Bar in Brüssel hat; Katie und John ein englisch-französisch australisches paar; vipul, der indisch-Namibianische Kanadier, der gespendete Kleidung einkauft und sie an seinen chilenischen Geschäftspartner, Juan-Luis, verkauft, der sie dann in Chile, unter anderem in Patagonien, an Second Hand Läden verkauft.

Bei einer Runde time’s up wurden auch die internationalen Unterschiede und Ähnlichkeiten Aller aufgedeckt und das Eis endgültig gebrochen! Wie allerdings vipul von „claws“ für wolverin auf „Santa Claus/claws“ kommt wird für immer ein Rätsel Bleiben… An dieser Stelle vielen Dank an Phillip und Aile, die uns dieses herrliche Spiel vorgestellt haben 🙂

Am dritten Tag ging das Schiff für eine Stunde vor dem 300 Einwohner Dorf Puerto Eden vor Anker. Sofort strömten sämtliche kleinen Boote auf die Fähre zu um ihre Muscheln, kaputten Waschmaschinen und Kranke und Geschäftsleute an Bord zu bringen, die dann in Puerto Natales versorgt werden. Außerdem wurden andere Güter abgeholt. Das war ein ganz schönes Treiben an der Ladeluke und wir durften gespannt beobachten 🙂

Das Alkoholverbot (wie schon damals bei der Prohibition in den USA) führte bei manchen früher bei anderen später zu einer Art illegalem Markt und „speakeasies“, also geheimen (Kabinen-) Bars. Auch wurde beim Abendessen mit Rotwein in Kaffeetassen angestoßen, was einerseits traurig war aber andererseits dem Ganzen noch mehr Klassenfahrt Charakter gab. Glücklicherweise waren alle trinkfest genug um nicht Feuer zu machen oder über Bord zu fallen!

Letztendlich verbrachten wir aufgrund vieler enger Passagen, die nur bei Tageslicht befahren werden dürfen, 4 Nächte auf der Fähre Eden (statt 3 Nächte). In Puerto Natales angekommen bereiteten wir unseren Trip zum Nationalpark Torres del Paine vor und abends gab es eine Schiffs-Crew-Réunion in einer Bar, die ganz offiziell Wein, Bier und den leckeren pisco sour servieren durfte 🙂

A.

Deutschtümeleien im Seengebiet

Von Pucon aus führte unsere Reise nach Puerto Montt, dem Tor nach Patagonien. Von Puerto Montt wollen wir heute mit einer Fähre entlang der Küstenlinie und vorbei an Fjorden ca 2000 km in den Süden nach Puerto Natales fahren. Die Schifffahrt wird fast vier Tage dauern und sicherlich auch ein besonderes Highlight werden…

Puerto Montt besticht nicht gerade durch seinen städtebaulichen Charm, ist aber aufgrund seiner Lage und Hafenfunktion die am schnellsten wachsende Stadt Chiles.

Ein interessanter Aspekt der Geschichte Süd-Chiles, besonders der Region um Puerto Montts ist, dass hier besonders viele deutsche Siedler Städte gründeten und Land urbar machten. Sowohl in Puerto Montt als auch im nah gelegenen Puerto Varas stehen an zentralen Plätzen Denkmäler zum 150-jährigen Jubiläum der Kolonisation Süd-Chiles durch die Deutschen per Präsidialdekret.

Überall im Chile findet man Zeugnisse deutscher Einwanderer. Meist sind es deutsche Familiennamen, die auf dem Label von Brauereien („Kunstmann – das gute Bier“), Apotheken, Arztpraxen, Autohändlern (Kaufmann), Bäckereien usw. zu lesen sind. Aber es gibt auch deutsche Lehnwörter wie Strudel, Kuchen und Berlin (der Pfannkuchen), die fest in den chilenischen Sprachgebrauch übergegangen sind. Auch Feuerwehren scheinen vor allem von Deutschen gegründet und betrieben worden zu sein.

Bei der Erkundung von Puerto Montt stießen wir unweigerlich auf den „Deutschen Verein“ gegenüber dem Rathaus. Dort kann man neben Apfelstrudl und Kuchen auch Informationen über die deutsche Siedlungsgeschichte in putziger Ausdrucksweise erhalten.  Außerdem gibt es hier natürlich eine Bierstube und eine Kegelbahn. Als wir dort, vor den Wappen des Saarlands und Mecklenburgs (sie haben frevelhalfterweise Vorpommern vergessen!), standen, sprach uns ein Feuerwehrmann auf deutsch an und meinte wir müssen unbedingt den Nachbarort Puerto Varas besuchen. Dort sei es viel schöner… Weil wir uns von diesem Spruch immer sehr leicht beeindrucken lassen, haben wir dann auch gleich den nächsten Bus dahin genommen.

Schon von einiger Entfernung aus konnten wir die einer Marienkirche im Schwarzwald nachempfundene Kirche von Puerto Vares sehen. Die Kirche ist umgeben von einer Kleinstadt, die auch im Allgäu hätte stehen können. Glücklicherweise hielten uns die Palmen und großen Vulkane in unmittelbarer Nähe der Stadt davon ab uns lautstark über den vielen Hundekot im ansonsten gut geputzten Park zu beschweren.

Irritiert und belustigt über die vielen deutschen Namen spazierten wir durch die Stadt, als wir auf ein Zelt stießen in dem augenscheinlich eine Veranstaltung stattfand. Die Überraschung beim Blick ins Innere des Zelts war beachtlich: Dutzende Deutschlandfahnen und -Banner wie man sie aufdringlicher nicht hätte aufhängen können. Dazu etliche Bierstände, Menschen in bayrischer und österreichischer Tracht, Bratwurststände und am verwirrendsten: deutsche Volksmusik. Klischeehafteste Blasmusik wechselte zum „Schneewalzer“ und zu „Oh Mosella“. Was auf manchem Straßenfest in Deutschland wunderlich erscheint, ist hier einfach nur surreal.

Wir ließen uns dennoch nicht verschrecken und probierten, was hier als deutsches Bier verkauft wurde… War nicht schlecht.

Allerdings müssen wir beim Probieren der Biere deutscher ausgesehen haben als wir dachten, denn nach kurzer Zeit sprach uns wieder jemand an. Diesmal war es ein älterer Herr mit Basecap. Wie sich rausstelle war dieser Herr einst Student an der Hochschule Ludwigshafen und studierte dort Personalwesen und Marketing irgendwann in den 70er Jahren. Wir haben also tatsächlich einen Vorvorgänger von Fränzi getroffen, der auch noch häufig mit dem Fahrrad nach Heidelberg gefahren ist und daher bestens das kleine Wieblingen kennt. Wie es der Zufall will, ist dieser Mensch der Enkel eines gewissen Friedrich Reicherts (Federico Reichert), der in Deutschland geboren und in Chile und Südamerika bekannt ist. Anscheinend war sein Großvater sehr umtriebig. F. Reichert war Forscher, Kartograph, Bergsteiger und Schriftsteller. Interessant. Der  in die Jahre gekomme Enkel Rudolf hatte allerdings auch viel zu erzählen: Vergangenes und Aktuelles, aus Chile und aus Deutschland…

D.